Vortrag zum Schicksal der nach Langenholdinghausen gekommenen OstvertriebenenWie sich in der Geschichte eines Dorfes und der dort lebenden Menschen die Geschichte einer Nation, Europas und der Welt widerspiegelt, zeigte ein im Dorfgemeinschaftshaus am „Alten Berg“ gehaltener Bildvortrag. Darin ging es um das Schicksal der als Folge des Zweiten Weltkrieges nach Langenholdinghausen gekommenen Ostvertriebenen. Unter dem Titel „Vertreibung, Flucht und Neuanfang im Dorf“ hatten der Verein „Arbeitskreis Dorferneuerung und Dorfgeschichte“ und der Verein „Dorfgemeinschaftshaus Hollekusse e. V.“ gemeinsam zu der Veranstaltung eingeladen.

Das große Interesse an der Thematik bewiesen die bis auf den letzten Platz besetzten Reihen der Zuhörer, darunter auch etliche, die als junge Leute das Los der Vertreibung am eigenen Leibe erlebt hatten.Ortschronist Ernst-Otto Ohrndorf beschrieb zunächst die Situation im Dorf nach Kriegsende: Die meisten der wegen der Bombenangriffe auf größere Städte, wie z. B. Siegen, in Langenholdinghausen untergebrachten „Evakuierten“ waren schon bald in ihre Häuser zurückgekehrt. „Doch dann, in der ersten Hälfte des Jahres 1946“ – so ein Vermerk in der Schulchronik des Ortes - „setzte der Strom der Ostvertriebene ein, die von den Polen aus ihrer Heimat ausgewiesen worden waren“. In Langenholdinghausen fanden insgesamt 104 Vertriebene Unterkunft, einige zeitweilig, andere auf Dauer. Stellvertretend für diese 104 Schicksale bildeten vier persönliche Berichte von Vertriebenen – vom Chronisten schon vor Jahren in Gesprächen aufgezeichnet – einen Schwerpunkt der Darstellungen. Die von zwei Frauen und zwei Männern des Arbeitskreises in der „Ich-Form“ vorgetragenen Berichte ließen die Erlebnisse von Vera Pahl, Margarete Seeliger, Rudolf Stähler und Ernst Drescher während ihrer Flucht vor den Augen der Zuhörer lebendig werden.  Auf unterschiedlichen Wegen und unter unterschiedlichen Bedingungen waren die vier Personen und deren Familien infolge der „wilden Vertreibung“ noch während der Kriegshandlungen und der vermeintlich „geregelten Vertreibung“ in der Nachkriegszeit nach Langenholdinghausen gekommen.  Ihnen gemeinsam sind die bei der Flucht ausgehaltenen Entbehrungen und Schrecken, die Bedrohungen, das zwangsweise Erduldete und die erlittenen Todesängste. Von den Zuhörern wurden die Berichte mit Betroffenheit und Erschütterung aufgenommen.  Im Weiteren berichtete der Ortschronist von der Aufnahme der Ostvertriebenen im Dorf, wie der Gemeindevorsteher Karl Bender die Aufgabe der Zuweisung der Angekommenen in die einzelnen Häuser vorbildlich bewältigt hatte und zu welchen, für heutige Verhältnisse geradezu unvorstellbaren Beeinträchtigungen der Wohnverhältnisse es durch die Aufnahme der Vertriebenen sowohl für diese als auch für die Ortsansässigen kam. Auch Letztere hatten durch den Krieg gelitten, 37 Männer des Dorfes waren gefallen oder galten als vermisst, in einigen Familien der einzige Sohn. Bei den Ostvertriebenen war das ebenso, darüber hinaus hatten sie ihre Heimat und ihren ganzen Besitz verloren, ihre Lebensplanung war zunichte gemacht und das gesamte soziale Umfeld zerstört. Familien, Verwandte und Nachbarn waren auseinandergerissen, deren Schicksal oft unbekannt. Da bedrückte es umso mehr, dass die Vertriebenen von einem Teil der Ortsansässigen als „Fremde“ betrachtet wurden, die „einfach nicht hierhergehörten“. Zwar erwarben sich schon bald etliche der „Neubürger“ aufgrund ihrer Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit die Anerkennung der Ortansässigen, gleichwohl blieb der Begriff „Flüchtling“ für lange Zeit ein Synonym für Menschen „zweiter Klasse“, für Menschen, „die nichts hatten, aber alles haben wollten“. „Doch wie immer im menschlichen Miteinander“ – so der Chronist – „sollte man sich auch hier vor Verallgemeinerungen hüten: Wurden doch in den Jahren nach dem Krieg immerhin sechs Ehen zwischen Ortsansässigen und Vertriebenen geschlossen“.Im letzten Teil des Vortrages schlug Ohrndorf den Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart und stellte dar, wie sich der weitere berufliche und persönliche Lebensweg der in den Blick genommenen Familien gestaltet hatte. Den wenigsten war es möglich gewesen, in ihre alten Berufe zurückzukehren, schon gar nicht den ehemaligen Bauern. Angenommen wurden die Arbeitsstellen, die angeboten wurde, vornehmlich in den Industriebetrieben des Hüttentales. Die seit Ende der 1980er Jahre eingetretene Änderung der „politischen Großwetterlage“ erleichterte es vielen Ostvertriebenen, ihre einstige Heimat noch einmal zu besuchen. Auch von diesen Besuchen und den dabei gemachten Erfahrungen wurde berichtet.Bis zum Ende des gut zweistündigen Vortrages war den Referenten die ungeteilte Aufmerksamkeit der Zuhörer sicher. Das Ziel, das leidvolle Geschehen der Vertreibung am Beispiel ortsbekannter Mitbürger intensiv und „hautnah“ in Erinnerung zu rufen und vor dem Vergessen zu bewahren, war erreicht worden.

 

Flucht_u_Vertreibung_2023
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Anschrift

Arbeitskreis Dorferneuerung und Dorfgeschichte Langenholdinghausen
Holdinghauser Str. 55a
57078 Siegen

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